Forschungsschwerpunkte

 

Asiatisch Diaspora-, Alternativ- und Neureligion in Mitteleuropa und Österreich
Lukas Pokorny

Als gebürtiger Wiener (und seit einiger Zeit Wahlniederösterreicher) bin ich naturgemäß fasziniert von der stetig wachsenden Vielfalt der religiösen Landschaft Österreichs. Um ein speziell dynamisches Segment dieses Forschungsbereichs – i.e. asiatische Diaspora-, Alternativ- und Neureligion – in aller Sorgfalt zu erschließen, nutze ich eine reiche Palette an sozialwissenschaftlichen (qualitative Interviews etc.) und historischen Methoden. Mich interessieren dabei sowohl historische Formierungsprozesse als auch die gegenwärtige Situation jener Gruppen und Traditionen, weshalb meine Forschung als wesentlicher Beitrag zu einer längst überfälligen Sichtbarmachung der religiösen Diversität in der Geschichte und Gegenwart Österreichs fungiert. Im Zuge der historischen Annäherung, versuche ich auch speziell die Komponente einer europäischen Transnationalisierung von Missionstätigkeit ausgehend von Österreich zu erfassen. Eine Bestandsaufnahme der historischen Dimension beinhaltet gleichermaßen eine Auseinandersetzung mit Prozessen kultischer und doktrineller Glokalisierung, sowie deren Erscheinungsbild heute. Nebst entsprechender länderspezifischer Fallstudie bin ich um eine je individuelle Einbettung der spezifischen historischen wie doktrinellen Gemengelage im Lichte eines globalen und insbesondere herkunftsorientierten Gesamtkontexts bemüht. In der Begegnung mit den ausgewählten Bewegungen/Traditionen folge ich einer religionswissenschaftlichen Herangehensweise, mit der Absicht ein vertrauensvolles Arbeitsverhältnis zu schaffen in dem Forscher und Informant(en) sich auf Augenhöhe befinden. Die Forschung erfolgt zuvörderst in deskriptiver Form, anerkennt daher die enorme Wichtigkeit sich entsprechend dem religionswissenschaftlichen Selbstverständnis höchstmöglicher Objektivität, unsachlichen Werturteilen gegenüber dem Untersuchungsgegenstand zu enthalten. Meine Forschungsleistungen in diesem Bereich erscheinen hauptsächlich in der von mir in Zusammenarbeit mit Hans Gerald Hödl herausgegebenen religionswissenschaftlichen Reihe Religion in Austria und werden daher verstärkt einer internationalen Leserschaft zugeführt. In bisherigen Projekten habe ich mich intensiv mit Kōfuku no Kagaku („Happy Science“), Sōka Gakkai und, speziell, der Vereinigungsbewegung befasst. In Vorbereitung sind zurzeit Artikel zu FIGU (Freie Interessengemeinschaft für Grenz- und Geisteswissenschaften und Ufologiestudien), Naikan, Nipponzan Myōhōji (mit Isabelle-Prochaska-Meyer), neosufistischen Gruppen (mit Sara Kuehn), koreanischen protestantischen Gemeinschaften (mit Sang-Yeon Loise Sung), Share International, Śrī Śrī Rādhā Govinda Gaudīyā Maṭh (mit Birgit Heller und Hans Gerald Hödl), Wŏnhwado und die Vereinigungsbewegung.

Die Erfindung frühchristlicher anti-paganer Diskurse
Nickolas P. Roubekas

Diese Forschung zielt darauf ab, zu untersuchen wie christliche Autoren aus dem zweiten und dritten Jahrhundert auf pagane Religionstheorien reagierten respektive sich diese zu eigen machten um denjenigen Zeitgenossen zu trotzen, welche sich den traditionellen Religionen verschrieben. Anstelle der alten Prämisse, dass der christliche Diskurs nur eine theologische Antwort auf Angriffe seitens des "Heidentums" gewesen sei, basierend auf bloß theologischen Grundlagen, behaupte ich in diesem Projekt, dass die frühen christlichen Apologeten vielmehr daraufhin gearbeitet haben, den Glauben der christlichen Gemeinschaft zu stärken, indem sie sich dogmatischer und theoretischer Prinzipien bedienten, welche sowohl aus dem "paganen" wie dem neuformierten christlichen Milieu stammten. Auf diese Weise haben Autoren wie Justin der Märtyrer, Athenagoras von Athen, Klemens von Alexandrien und andere eine neue Verteidigungs- und Argumentationslinie entwickelt, die letztlich einer Theoretisierung von Religion als Kategorie näher stand, als die bloße Erhebung des Christentums als einzig "wahre" Religion.

Disziplinäre Bahnen der Erforschung antiker Religionen
Nickolas P. Roubekas

Meine gegenwärtige Forschung widmet sich der disziplinären Kluft, die im aktuellen Fachdiskurs zu antiken Religionen merklich ist. Einerseits wurde das Feld durch die detaillierten Arbeiten von Altphilologen und Althistorikern bereichert, andererseits hat die Vormachtstellung nordamerikanischer wie nordeuropäischer postmoderner Zugänge zur Kategorie "Religion" wichtige aber oft auch durchaus "gefährliche" Aspekte zutage gefördert, welche letztlich den gesamten Bereich Religionswissenschaft maßgeblich betreffen. Dennoch erscheinen diese beiden Forschungsfelder in ihren disziplinären Grenzen voneinander weitestgehend isoliert. Meine diesbezügliche Forschung siedelt sich daher am Schnittpunkt der beiden Disziplinen an, um eine methodische wie theoretische Wechselseitigkeit zu befördern, welche ob des Mangels an Interdisziplinarität bislang auf der Strecke blieb.

Leben, Altern, Tod und Überempirisches im Neokonfuzianismus
Lukas Pokorny

In diesem Forschungsbereich widme ich mich einem Feld, dass bisher nur verhältnismäßig begrenzte Aufmerksamkeit im Fachdiskurs erhalten hat, namentlich die neokonfuzianische Lesart zu Themen wie Leben, Altern, Tod und das „Überempirische“, sowie die daraus folgenden Implikationen für eine „konfuzianische Spiritualität“. In einem ersten Schritt konzentriert sich meine Forschung auf den umfangreichen Lehrkorpus eines der bedeutsamsten Exponenten des (koreanischen) Neokonfuzianismus, Yi I (Yulgok, 1536–1584). Seine Doktrin (yulgokhak 栗谷學) ist in vielerlei Hinsicht repräsentativ für den Höhepunkt Chéng-Zhū-konfuzianischer Systematisierungsanstrengungen. Meine diesbezügliche Forschungstätigkeit erfolgt in zwei Stufen. Zunächst widme ich mich der Erstellung einer kritischen Edition, Übersetzung und Annotation einschlägiger Schriften Yulgoks. Hiernach beabsichtige ich eine systematische Auseinandersetzung mit ausgewählten Themen auf Basis des zuvor bearbeiteten Textfundus. In einem zweiten Schritt ist geplant die Forschung auf andere Vertreter neokonfuzianischen Denkens auszuweiten um einen wesentlich umfassenderen Pool an Texten und doktrinellen Schlagrichtungen erfassen zu können. Die annotierten Übersetzungen, eingebettet im Rahmen von Parallelkorpora, werden ausführlich eingeleitet und kontextualisiert. Der auf diese Weise zugänglich gemachte Diskurs ermöglicht weitergehende komparative Studien und eröffnet durchaus praktische Implikationen, etwa mit Blick auf eine konfuzianisch-geprägte Gesundheitspflege. Nach neokonfuzianischer Tradition entwickelt sich ein Argumentationsstrang in diesem Themenkreis gemeinhin in Konfrontation mit Vorstellungen und Praktiken weltanschaulicher Mitbewerber, einschließlich Buddhismus, Daoismus oder Volksreligiosität wie beispielhaft musok. Das Erschließen der neokonfuzianischen Verständnislage gegenüber lebensweltlich so zentralen Themen wie Leben, Altern und Tod aber auch der Umgang mit dem „Überempirischen“ dient nicht allein einer besseren Kenntnisbildung neokonfuzianischer Sinnidentität, sondern offenbart neue Blickwinkel auf die emische Wahrnehmung und Kritik vis-à-vis dem umgebenden „heterodoxen“ Sinnangebot. Dies ermöglicht sonach eine Rekonstruktion des weltanschaulichen und kultischen Milieus – wenngleich mit apologetischen Vorzeichen – jenseits der selbstdemarkierten Orthodoxie. Zurzeit arbeite ich an diversen annotierten Übersetzungen, u.a. von Yulgok’s Suyo ch’aek 壽夭策 (Traktat über Langlebigkeit und frühzeitigen Tod), Sasaeng kwisin ch’aek 死生鬼神策 (Traktat über Tod und Leben, Totengeister und Geister), Sinsŏn ch’aek 神仙策 (Traktat über „Unsterbliche“) und Ŭiyak ch’aek 醫藥策 (Traktat über Medizin).


Millenarismus und neue religiöse Bewegungen Ostasiens
Lukas Pokorny

In diesem Forschungsbereich arbeite ich an der Schnittstelle von Religionswissenschaft und Ostasienwissenschaften respektive Millenarismusforschung und Neureligionenforschung. Speziell in jüngerer Zeit ist ein merklich wachsendes Interesse an jenem Knotenpunkt von Millenarismusforschung und Neureligionenforschung zu beobachten. Während die Bedeutung des Millenarismusaspekts – d.h., die Vorstellung eines allumfassenden, heilstiftenden Wandels der gegenwärtigen Weltordnung – neuer Religiosität Ostasiens im akademischen Diskurs zwar weitestgehend akzeptiert ist, mangelt es bisher an einer substantiellen systematischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Meine Forschung beabsichtigt diesem Desiderat zu entsprechen. Vor diesem Hintergrund soll demnach eine erste umfassende (systematisch-vergleichende) Analyse millenaristischer Dynamiken einer größeren Zahl eminenter neuer religiöser Bewegungen Ostasiens erfolgen, fußend auf sorgfältiger textkundlicher Bearbeitung originalsprachlicher Quellen (Japanisch, Koreanisch, Modern- und Klassischem Chinesisch sowie Vietnamesisch). Ich verstehe jene millenaristische Dimension als das doktrinelle Leitmotiv und den ideologischen Legitimierungsimpuls eines vielgestaltigen säkularen (i.e., sozialen, politischen und ökonomischen) Handelns neuer religiöser Bewegungen Ostasiens. Ausgehend von einer bestimmten Einfassung des Millenarismuskonzepts (grundgelegt durch die Arbeiten Norman Cohns/Yonina Talmon-Garbers und Catherine Wessingers), eruiere ich zunächst im Detail das je gruppenspezifische Millenarismusnarrativ, wobei die darin üblicherweise betont artikulierten ethnozentrischen Topoi speziell in Augenschein genommen werden. Die Analyse verhandelt ferner die distinkten soteriologischen Argumentationslinien, die gemeinhin gespeist sind durch die Morphologie des weltanschaulichen und soziokulturellen Entfaltungskontexts. Nach Abschluss einer ausreichenden Anzahl an Einzelfallstudien, beabsichtige ich das erfasste millenaristische Themenspektrum ostasiatischer Neureligiosität mit Rückgriff auf die theoretischen Überlegungen von Wessinger et al. („katastrophischer Millenarismus“, „avertiver Millenarismus“, „progressiver Millenarismus“) zu systematisieren, mit dem Ziel den typologischen Raster noch engmaschiger zu gestalten und mithin die Klassifizierung millenaristischer Ausdrucksarten zu verfeinern. Jene umfassende, philologisch fundierte, vergleichende Darstellung der millenaristischen Anatomie ostasiatischer Neureligiosität soll in der Folge auch einen wesentlichen theoretischen Beitrag für die Millenarismusforschung bedeuten. Meine Forschung in diesem Bereich soll im Allgemeinen den Wissensstand zu ostasiatischer Neureligiosität prägnant erweitern, auch eingedenk der Tatsache, dass zahlreiche Gruppierungen aufgrund ihrer anhaltenden Internationalisierung neben einer unzweifelhaften regionalen Einflusssphäre auch ein dezidiert globales Wirkmoment aufweisen. Diverse Artikel sowie eine Monographie sind zu diesem Forschungsgebiet in Vorbereitung. Was das breitere Feld der Neureligionenforschung betrifft, erfolgt zeitnah ferner die Publikation des von mir zusammen mit Franz Winter bei Brill herausgegebenen Handbook of East Asian New Religious Movements.